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Christen und Muslime in Ägypten 2016

Aus Ägypten werden in den vergangenen Tagen und Wochen wieder einmal besorgniserregende Nachrichten gemeldet: Die Gewalt gegen religiöse Minderheiten, insbesondere gegenüber Christen, steige deutlich an. Das berichtet die Organisation „Christian Solidarity Worldwide“. Auch Bischof Kyrillos William Samaan, der Bischof von Assiut, bestätigt das: „Ja, in letzter Zeit haben wir bemerkt, dass es einen Anstieg von Terrorakten gegen Christen gibt, insbesondere in Minya, unserer Nachbardiözese. … Die Übergriffe finden immer freitags statt. Das heißt, der Imam, der gepredigt hat, heizt die Leute in seinen Predigten an, gegen die Christen zu agieren, die Kirchen bauen, anstatt die Liebe, Versöhnung und das Zusammenleben zu predigen.“

Seit dem 29. Mai kam es zu insgesamt zwölf massiven Übergriffen gegen sie, die den koptischen Bischof Makarius zu einer Twitter Nachricht an die Adresse des Präsidenten veranlassten. Darin „erinnerte“ der Geistliche al-Sisi daran, dass „auch Kopten ägyptische Bürger“ seien und seine stark betroffene Diözese Minya durchaus „unter die Zuständigkeit der ägyptischen Rechtsprechung“ falle.

12 Vorfälle mit vier Todesopfern innerhalb von sieben Wochen:
29. Mai, Shobra el-Kheima (nördliches Kairo)
Der 26-jährige Bäcker Romani Attef wird auf der Straße mit einem Messer attackiert. Während der Tat ruft der Angreifer aus, er handele im Gehorsam gegenüber Allah. Attef erliegt seinen schweren Verletzungen vor den Augen seiner Frau, der Angreifer wird in eine Psychiatrie eingeliefert.

17. Juni, ein Vorort von Alexandria
Im Anschluss an das Freitagsgebet dringen 5.000 Menschen in eine koptische Siedlung vor den Toren Alexandrias ein und plündern zehn Behausungen. Anlass ist ein unbestätigtes Gerücht, ein Kopte wolle sein Haus in eine Kirche umwandeln. Die Polizei setzt den Mann unter Druck, sich mit den Angreifern zu „versöhnen“.

30. Juni, Arish (nördlicher Sinai)
Priester Raphael Moussa von der koptisch-orthodoxen St.-Georg-Kirche in Arish wird ermordet; der IS übernimmt die Verantwortung mit der Begründung, Moussa habe „Krieg gegen den Islam geführt“.

5. Juli, Tanta (90 km nördlich von Kairo)
Der Leichnam des 33-jährigen Apothekers Magdi Attiya Gabriel wird in der Nähe seines Hauses enthauptet und mit neun Stichwunden aufgefunden. Augenzeugen berichteten, ein salafistischer Nachbar und ein weiterer Mann seien mit blutbefleckter Kleidung vom Tatort geflohen.

9. Juli, Zagazig (80 km nordöstlich von Kairo)
Ein Pharmaziestudent greift mit einem Messer zwei Frauen beim Verlassen einer örtlichen Kirche an und verletzt sie schwer. Gegenüber der Polizei gibt er an, sich an Instruktionen des IS gehalten zu haben.

17. Juli, Tahna el-Gabal, Minya (250 km südlich von Kairo)
Bei einem Angriff auf die Behausung eines koptischen Priesters wird ein Christ getötet und drei weitere verletzt. In der allgemeinen Presse ist von einer Streitigkeit zwischen Muslimen und Christen die Rede, andere Quellen, die das Geschehen näher untersucht haben, sprechen jedoch von einem „gezielten Angriff auf den Priester“.

Ob sich das Verhältnis von Muslimen und Christen generell verschlechtert, ist aber durchaus umstritten. „Ich kann das überhaupt nicht bestätigen", sagt Margret Ruep. Sie hat ihren Lebensmittelpunkt in Ägypten und gehört der Kommission „Erziehung und Schule" der Deutschen Bischofskonferenz an. In Ägypten unterstützt und berät die ehemalige stellvertretende baden-württembergische Kultusministerin eine Schule, die christliche und muslimische Kinder gleichermaßen besuchen. „Es gibt absolut keine Erkenntnisse oder Anzeichen, dass es hier irgendwelche Probleme gibt. Im Gegenteil: Die muslimischen Schüler feiern Weihnachten oder christliche Feiertage. Das gibt es keinerlei Vorbehalte."

Präsident Abdul Fattah al-Sisi ruft tatsächlich immer wieder zur Einheit aller Ägypter auf. Und gerade Christen fühlen sich durch diese Äußerungen bestärkt. Die gesellschaftliche Realität sehe jedoch oft anders aus, sagte „Christian Solidarity Worldwide“. Die Menschenrechtsorganisation fordert ein Ende der so genannten Versöhnungsfeiern, bei denen Dorfälteste und religiöse Führer Strafen verhängten. Dort geschehe viel Unrecht, und die Bestrafungen fänden gänzlich außerhalb des ägyptischen Rechtssystems statt. „Man behauptet, die Versöhnungsfeiern würden Spannungen reduzieren, tatsächlich heizen sie sie aber an“, sagte ein Sprecher von „Christian Solidarity Worldwide. Es sei dringend erforderlich, dass sowohl weltliche als auch religiöse Führer weiter zur Einigung und zum gesellschaftlichen Zusammenhalt in Ägypten aufrufen.

Kritisch sieht auch Bischof Kyrillos diese Versöhnungsfeiern: „Die Bevölkerung hat bemerkt, dass nach diesen Versöhnungsfeiern die Gewaltakte wiederholt werden, und sich nichts geändert hat, denn die Täter sind nicht verhaftet worden. Solange die Täter aber nicht verhaftet werden, begehen sie diese Taten immer wieder. Deswegen hat der Bischof von Minya sich nun geweigert, diese letzten Episoden mit Versöhnungsfeiern auszuräumen, sondern er sagt, erst müssen die Täter vor Gericht gestellt werden, und dann können wir über Versöhnungsfeiern reden.“

Ein weiterer wichtiger Schritt: Das Parlament müsse nun das bereits seit längerem geplante Gesetz zur Regelung für den Bau von Gotteshäusern zügig verabschieden – denn die aktuelle Gesetzeslage lasse zu vielen Interpretationsmöglichkeiten Spielraum und gieße so Wasser auf die Mühlen von radikalen islamischen Predigern. „Deswegen sagen viele, dass das Gesetz für Kirchenbau die Lösung sein wird. Das Gesetz liegt dieser Tage in unserem Parlament und muss diskutiert werden. Vertreter von drei christlichen Kirchen, der orthodoxen, der evangelischen und der katholischen, haben an das Parlament geschrieben und ihre Anmerkungen und Verbesserungsvorschläge zu dem Gesetz eingereicht. Scheinbar ist der politische Wille, das Gesetz zu verabschieden, nicht besonders stark. Wenn es aber erst einmal verabschiedet ist, dann wird es viele Probleme lösen, denn dann wissen die Menschen, dass auch die Christen das Recht haben, eine Kirche zu bauen, ohne Schwierigkeiten zu bekommen.“

Für Zündstoff innerhalb der islamischen Institutionen selbst sorgt in diesen Tagen auch der jüngste Erlass des Ministers für religiöse Stiftungen, nach dem Imame in Zukunft vereinheitlichte Predigten zu halten haben, „damit sie nicht den Faden verlieren“: „Auf der einen Seite will der Minister, dass die Texte zentral vorgegeben werden, um damit extremistische Predigten zu verhindern.“ Die Texte sollten von Mitarbeitern des Ministeriums, Parlamentsabgeordneten des Religionsausschusses sowie Soziologen und Psychologen verfasst werden. Den Plänen nach sollten auch Gelehrte der islamischen Hochschule al-Azhar Predigten verfassen. Doch die höchste Autorität des sunnitischen Islam in Gestalt ihres Großimams Ahmed al-Tayyeb sei strikt gegen diese Art der zentralen Predigtvorgabe. „Jetzt müssen wir sehen, was bei dieser Diskussion herauskommt“, sagt Bischof Kyrillos.